Der alte Mann und das Meer

2. Tag/12 Uhr

Ich klopfe an einer Metalltür mit der Aufschrift ‚Tablas Titaniuss’. Ein kleiner Mann mit kurzen grauen Haaren, gold-gerahmter Brille und einem verstaubten Pullover öffnet. Es riecht nach Chemikalien. „Ich suche ‚el viejo’.“ Er gibt mir mit einer ungeduldigen Handbewegung zu verstehen, dass genau der vor mir steht. Kaum kommen mir die Worte Magazin und Journalist über die Lippen, beginnt er wild zu gestikulieren und ruft: „No quiero saber nada!“ Ich halte die Sache für ein Missverständnis, setze erneut an um mich zu erklären, da schallt es mir wieder entgegen: „Ich will nichts wissen.“ Es dauert ein wenig bis der 62-Jährige versöhnlicher wird. Wenn ich bei irgendetwas Hilfe bräuchte, sei das kein Problem, aber seine Person sei tabu. Zu viele Journalisten, Fernsehen, Zeitungen – den ganzen Zirkus wolle er nicht mehr. Ich stimme zu und wir beginnen zu plaudern.

Wir stehen auf der Türschwelle und schauen auf die Straße. Ein roter Bulli mit Hamburger Kennzeichen parkt vor dem Haus gegenüber. Tito redet sich schnell warm. Seit circa 1971 gäbe es Surfer in Galizien. Er selbst stehe seit 36 Jahren auf dem Brett und Wellen gäbe es das ganze Jahr. Kein Kunststück bei 1500 Kilometern Küste in Galizien. Auch wenn sich die Bedingungen der Spots je nach Jahreszeit und Wetter ändern, irgendeine Welle läuft immer. Da das Wasser hier selbst im Sommer kaum wärmer als 18 Grad wird (im Winter maximal 14 Grad) kommt man um einen Neo jedoch nicht herum. Bei einem Thema gerät der sonst so ruhige alte Herr ein wenig in Rage. Es sei Generation für Generation schlimmer geworden, dieser „localismo asqueroso“ – der wiederliche Lokalismus an galizischen Stränden. „Das ist das schlimmste in der Welt des Surfens.“, sagt er kopfschüttelnd.

Ich werfe einen Blick über die Schulter. An den Wänden seiner Werkstadt stapeln sich links und rechts Bretter. Am Ende des schmalen Raumes befindet sich eine extra Kammer. Werkzeuge hängen an den Wänden. Ein Board liegt eingespannt auf einer Werkbank. „Ab und zu habe ich Boards selbst geshaped, aber es gefällt mir nicht besonders. Ich repariere sie lieber“, antwortet er auf die Frage danach, wie er sein Geld verdient. ‚El viejo’ macht damit sicher kein Vermögen, aber es reicht zum Leben und zum Surfen. „Das tue ich auf geringem Niveau“, sagt er zum Abschied, „aber es ist mein Hobby, meine Leidenschaft, meine Droge.“

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